EU-Schwellenwerte 2026: Weniger Euro, mehr EU-Verfahren
Die EU-Kommission hat die Schwellenwerte für öffentliche Aufträge zum 1. Januar 2026 gesenkt. Das ist ungewoehnlich genug um einen Moment innezuhalten: In den meisten Jahren bewegen sich die Werte leicht nach oben, weil die Inflation sie mitzieht. Dieses Mal nicht.
Für Bieter bedeutet die Absenkung: mehr Projekte rutschen in den EU-weiten Wettbewerb, die TED-Pflicht greift frueher, und das grenzüberschreitende Spielfeld wird ein Stueck groesser.
Die neuen Werte im Überblick
Die rechtliche Grundlage sind drei delegierte Verordnungen der EU-Kommission vom 22. Oktober 2025: (EU) 2025/2150, 2025/2151 und 2025/2152. Sie gelten für alle Ausschreibungen, die ab dem 1. Januar 2026 bekannt gemacht werden, und bleiben bis zum 31. Dezember 2027 in Kraft. Danach turnusmaessige Neubewertung.
| Auftragsart | 2024/2025 | 2026/2027 | Differenz |
|---|---|---|---|
| Bauaufträge & Konzessionen | 5.538.000 € | 5.404.000 € | −134.000 € (−2,42 %) |
| Liefer-/Dienstleistung — oberste & obere Bundesbehoerden | 143.000 € | 140.000 € | −3.000 € (−2,10 %) |
| Liefer-/Dienstleistung — uebrige öffentliche Auftraggeber | 221.000 € | 216.000 € | −5.000 € (−2,26 %) |
| Liefer-/Dienstleistung — Sektorenauftraggeber | 443.000 € | 432.000 € | −11.000 € (−2,48 %) |
| Soziale/besondere Dienstleistungen (oeffentl.) | 750.000 € | 750.000 € | unverändert |
| Soziale/besondere Dienstleistungen (Sektoren) | 1.000.000 € | 1.000.000 € | unverändert |
Die VgV wird die neuen Werte automatisch übernehmen — sie verweist auf die jeweils geltenden EU-Schwellen, eine separate deutsche Novelle ist dafür nicht noetig.
Warum wurden die Schwellen gesenkt?
Die EU bestimmt die Schwellenwerte nicht willkuerlich. Sie leiten sich aus dem WTO-Agreement on Government Procurement (GPA) ab, das die Werte in Sonderziehungsrechten (SDR) des IWF festlegt — einer Waehrungskorbgroesse. Die Kommission rechnet alle zwei Jahre den aktuellen SDR/EUR-Durchschnittskurs in Euro um und rundet auf Tausender.
Im Bemessungszeitraum für die Periode 2026/2027 war der Euro gegenüber dem SDR-Korb staerker als in der Vorperiode. Ein starker Euro bedeutet: Dieselbe SDR-Schwelle entspricht weniger Euro. Deshalb die durchgehende Absenkung um rund 2,2 bis 2,5 Prozent.
Historisch betrachtet ist das kein dramatisches Ereignis — die Schwellenwerte pendeln alle zwei Jahre mit dem Wechselkurs. Wer die Werte seit Einführung der Richtlinie 2014/24/EU verfolgt, sieht ein Zickzack zwischen leichten Anhebungen und leichten Senkungen. Neu ist die Richtung dieses Mal, nicht das Prinzip.
Was bedeutet das für Bieter konkret?
Auf den ersten Blick sind 5.000 Euro bei einem 221.000-Euro-Auftrag nicht viel. Aber der praktische Effekt liegt nicht in der Zahl selbst, sondern an der Grenze:
1. Mehr Aufträge werden EU-weit sichtbar
Jeder Liefer- oder Dienstleistungsauftrag eines Landkreises, einer Stadt oder eines Bundeslandes, der bisher mit geschätzt 217.000 bis 220.000 Euro knapp unter der Oberschwelle blieb und im nationalen Unterschwellen-Verfahren vergeben wurde, muss ab 2026 auf TED. Das sind in der Praxis mehrere tausend Verfahren pro Jahr, die neu ins EU-weite Bieterfeld kommen.
Wer TED-Alerts nutzt, sieht diese Aufträge jetzt — wer bisher nur die nationalen Portale wie service.bund.de oder Landes-Vergabeplattformen beobachtet hat, übersieht sie, falls diese Portale nicht schnell nachziehen.
2. Mehr Wettbewerb aus dem Ausland
Der Gegenstand der Absenkung ist eine Doppelkante. Was zusaetzlich auf TED erscheint, sehen auch polnische, franzoesische und niederlaendische Bieter. Für deutsche Mittelstaendler heisst das: Die Verfahren, die bisher im stillen nationalen Feld liefen, sind jetzt europaweit ausgeschrieben und werden es auch bleiben. Wer seinen lokalen Wettbewerbsvorteil auf Unsichtbarkeit gestuetzt hat, verliert ihn schrittweise.
3. Formelle Verfahren statt Freihaendig
Unterhalb der Schwelle sind die Verfahrensanforderungen flexibler: Verhandlungen, beschraenkte Kreise, engere Beteiligung. Oberhalb der Schwelle gelten die strengen Vorgaben der VgV und der EU-Richtlinie 2014/24/EU: Offenes Verfahren als Regelfall, formale Eignungspruefung, Zuschlag nach festen Kriterien, Nachpruefbarkeit vor den Vergabekammern. Aufträge die knapp in diese Zone rutschen, werden für den Auftraggeber teurer und langsamer — und für Bieter formalisierter.
4. Bauaufträge: 134.000 Euro Unterschied zaehlen
Für den Bausektor ist die Absenkung des Schwellenwerts um 134.000 Euro die größte absolute Zahl. Das klingt nach viel, ist bei einer 5,4-Millionen-Marke aber nur eine kleine Anzahl an zusaetzlichen Verfahren — Bauprojekte genau in diesem schmalen Fenster sind selten. Die größte praktische Auswirkung hat die Absenkung daher bei Liefer- und Dienstleistungsaufträgen der Kommunen.
Übergangsregel: Wann gilt was?
Entscheidend ist das Datum der Bekanntmachung, nicht das Datum der Auftragsausfuehrung. Eine Ausschreibung, die am 28. Dezember 2025 bekannt gemacht wurde, laeuft noch unter den alten Schwellen von 221.000 bzw. 5.538.000 Euro — selbst wenn der Zuschlag erst im April 2026 erfolgt.
Für die Praxis heisst das: Wer Anfang Januar 2026 eine Ausschreibung bewertet, muss auf das Bekanntmachungsdatum schauen um die richtige Schwelle anzuwenden. Ein harter Cut-off ist es nicht.
Was bleibt unverändert
- Die Sozialen und besonderen Dienstleistungen(Anhang XIV der Richtlinie 2014/24/EU — Bildung, Gesundheit, bestimmte IT-Services) bleiben bei 750.000 Euro (öffentlich) bzw. 1.000.000 Euro (Sektoren). Sie sind nicht an den GPA gekoppelt.
- Die Pflicht zur produktneutralen Beschreibunggemaess §31 VgV gilt unabhaengig von der Schwelle und bleibt unverändert. Details dazu in unserem Artikel Produktneutrale Ausschreibung: Hersteller finden.
- Die Unterschwellen-Verfahrensordnung (UVgO) auf Bundesebene und die landesrechtlichen Regelungen für kleinere Verfahren bleiben erhalten. Änderungen sind dort für 2026 nicht angekuendigt.
Einordnung: Warum das für Mittelstand und Handel interessant ist
Die öffentliche Beschaffung in Deutschland allein hat ein Volumen von rund 500 Milliarden Euro pro Jahr, der größte Teil davon unterhalb der EU-Schwellenwerte. Jede Absenkung verschiebt einige Prozent dieses Volumens von der Unterschwelle in den EU-öffentlichen Wettbewerb. Die Frage ist nicht, ob der Effekt spuerbar ist, sondern wo er im eigenen Auftragsmix ankommt.
Praktische Konsequenz: Wer bisher nur mit nationalen Alert-Diensten arbeitet, sollte TED mit in den Such-Stack aufnehmen. Wer Leistungen liefert, die typischerweise im 150.000- bis 250.000-Euro-Bereich ausgeschrieben werden — klassisch bei Kommunal-IT, Gebaeudetechnik, Sicherheitsdienstleistungen, Labordiagnostik oder spezialisierten Handelswaren — sollte die neuen Werte aktiv in die eigenen Monitoring-Parameter übernehmen.
Zusammengefasst
Die EU hat die Schwellenwerte zum 1. Januar 2026 um rund 2,4 Prozent gesenkt. Grund ist der staerkere Euro gegenüber dem SDR-Korb des WTO-Beschaffungsabkommens. Für Bieter heisst das in der Praxis: Mehr Aufträge im EU-Verfahren, mehr grenzüberschreitender Wettbewerb und eine etwas hoehere Dichte an formalen Verfahren im Bereich zwischen 200.000 und 220.000 Euro.
Die Werte sind fest bis Ende 2027. Paul Fel, Gruender von Tender Automation, kommentiert trocken: "Wer seine Monitoring-Schwellen in Software hart kodiert hat, sollte sie heute noch anpassen. Wer sie als Variable gefuehrt hat, aendert eine Zeile."
Quellen
- Delegierte Verordnung (EU) 2025/2150 vom 22. Oktober 2025 zur Änderung der Richtlinie 2014/24/EU
- Delegierte Verordnung (EU) 2025/2151 vom 22. Oktober 2025 zur Änderung der Richtlinie 2014/25/EU
- Delegierte Verordnung (EU) 2025/2152 vom 22. Oktober 2025 zur Änderung der Richtlinie 2014/23/EU
- Bekanntmachung im EU-Amtsblatt vom 23. Oktober 2025
- cosinex Blog, vergabe24, DTVP, DStGB, Handwerkskammer Dresden — Fachaufbereitungen (Stand Oktober 2025)
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