TED Contract Award Notices als Sales-Intelligence: Wie man aus öffentlichen Zuschlagsdaten ICPs baut
Die öffentliche Beschaffung der EU hat 2024 ein Volumen von rund zwei Billionen Euro bewegt. Jeder dieser Aufträge — jede einzelne Zuschlagsentscheidung — wird in einer frei zugaenglichen Datenbank dokumentiert. Kaeufer, Lieferant, Produktkategorie, Volumen, Datum. Alles offen, alles mit Lizenz zur kommerziellen Nutzung. Und fast niemand benutzt es.
Das ist ein strategischer Fehler für B2B-Sales-Teams. Wer verkauft, was in Deutschland von der öffentlichen Hand beschafft wird, hat mit TED Contract Award Notices eine Lead-Quelle mit einer Qualitaet, die kommerzielle Datenbanken nicht einmal annaehernd erreichen. Dieser Artikel erklärt was CANs sind, was man rechtlich damit darf, und wie ein praktischer ICP-Generierungs-Workflow aussieht.
Was eine Contract Award Notice ist — und was drin steht
TED (Tenders Electronic Daily, die Beilage zum Amtsblatt der EU) kennt im Wesentlichen zwei Dokumenttypen: Bekanntmachungen einer anstehenden Ausschreibung (Contract Notice, CN) und Zuschlagsbekanntmachungen (Contract Award Notice, CAN). Die CAN wird nach Abschluss eines Verfahrens publiziert und enthaelt — je nach Standardformular — typischerweise:
- Auftraggeber (buyer): Name, Stadt, Land, oft die Art der öffentlichen Stelle (Bundesbehoerde, Kommune, Krankenhaus, Sektorenauftraggeber etc.)
- Auftragnehmer (winner): Firmenname, Rechtsform-Hinweis, Stadt, Land, manchmal Website und E-Mail, manchmal SME-Flag (ist der Gewinner ein KMU?)
- CPV-Klassifikation: Eine oder mehrere Codes aus dem Common Procurement Vocabulary. Sehr praezise Branchen-Kategorie (z.B. 48180000 für medizinische Software, 31214100 für Schalter, 34110000 für Personenkraftwagen).
- Wert: Gesamt-Auftragswert in EUR (bei Mehrwaehrungs-Aufträgen umgerechnet), plus Waehrung des Vertrags.
- Verfahrensart: Offenes Verfahren, nicht offenes Verfahren, Verhandlungsverfahren mit/ohne Teilnahmewettbewerb, wettbewerblicher Dialog.
- Datum der Publikation und des Zuschlags.
Was drin nicht steht: Persoenliche Ansprechpartner auf Kaeuferseite, interne Begründungen, Verhandlungsprotokolle, Scoring-Details. Das ist eine absichtliche Grenze — CANs sind Transparenz-Dokumente, nicht Verhandlungs-Akten.
Die rechtliche Grundlage — warum das alles erlaubt ist
TED-Daten stehen unter zwei überlappenden Freigaben:
- Commission Decision 2011/833/EU — die EU-Kommission hat ihre Dokumente zur freien Weiterverwendung freigegeben, auch kommerziell, auch für abgeleitete Werke.
- CC BY 4.0 — zusaetzliche Creative-Commons- Lizenz, die inhaltlich dasselbe sagt aber für den Open-Data-Oekosystem lesbarer ist.
Praktisch bedeutet das: Du darfst CAN-Daten herunterladen, parsen, in deine CRM-Pipeline einspielen, Lead-Listen bauen, weiterverkaufen, darauf basierende Produkte entwickeln. Die einzige Auflage ist Quellenangabe — wo du ableitete Inhalte publizierst, muss TED als Quelle genannt werden.
DSGVO-Grenze: TED ist eine Unternehmensdatenbank. Firmennamen, Adressen und E-Mail-Adressen von Firmen sind grundsaetzlich keine personenbezogenen Daten. Sobald jedoch natuerliche Personen explizit mit Name + Kontaktdaten auftauchen (was bei Einzelunternehmern oder bei „Ansprechpartner xyz@firma.de" der Fall sein kann), greift die DSGVO. Cold-Outreach braucht in diesem Fall eine klare Rechtsgrundlage (meist Art. 6 Abs. 1 lit. f berechtigtes Interesse) und ein Opt-Out pro Mail.
Was die Daten praktisch wert sind
Ein Zahlenbeispiel aus einem 90-Tage-Sample für Deutschland, alle CPV-Divisionen, nur CANs (also nur erfolgte Zuschläge):
- 7.666 Contract Award Notices — also 7.666 Zuschläge in 90 Tagen
- 6.323 unterschiedliche Gewinnerfirmen (einige gewinnen mehrere Aufträge)
- 10,5 Milliarden Euro Gesamtvolumen
- Verteilt auf 19 CPV-Divisionen
Was das heisst: In jedem Quartal gibt es mehr als 6.000 deutsche Firmen, die nachweislich öffentliche Aufträge abgewickelt haben. Das ist ein hartes Signal — nicht eine Vermutung aus Marketing-Daten, sondern eine behoerdlich bestaetigte Transaktion.
Für Sales-Teams, die an solche Firmen verkaufen, ist das eine Lead-Qualitaet, die keine Standard-B2B-Datenbank erreichen kann. LinkedIn Sales Navigator kann dir sagen, dass eine Firma existiert. TED kann dir sagen, dass die Firma dieses Quartal einen 800.000-Euro-Auftrag für medizintechnische Hardware gewonnen hat — und dass sie sechs Monate vorher einen ähnlichen Auftrag verloren hat.
Der praktische Workflow — vier Schritte
Schritt 1: Daten ziehen
TED stellt drei Zugaenge bereit:
- TED API v3 (REST, JSON): Die moderne Variante. Endpoint
api.ted.europa.eu/v3/notices/search. Keine Authentifizierung, nur ein User-Agent-Header. Rate-Limit von etwa 1 Request pro Sekunde (konservativ). - Bulk XML-Downloads: Die komplette TED-Historie seit 1993, taeglich aktualisiert. Kostenlos über den FTP des TED-Systems. Wer Jahresstatistiken oder historische Trends auswerten will, faehrt damit besser als mit der API.
- CSV-Subset auf data.europa.eu: Eine vereinfachte CSV-Variante mit den wichtigsten Feldern. Reicht für simple Analysen, verliert aber strukturelle Details.
Für ICP-Generierung ist die v3 API meist ausreichend: eine date-windowed Query über 14 oder 30 Tage liefert alle neuen Zuschläge, mit allen relevanten Feldern in JSON.
Schritt 2: Aggregation nach Gewinnerfirma
Die rohen CANs sind one-row-per-contract. Für ICP-Zwecke will man meistens one-row-per-company. Also gruppiert man nach Winner-Name (mit etwas Fuzzy-Matching, weil „Siemens AG" vs „Siemens" vs „SIEMENS Deutschland" oft uneinheitlich ist) und aggregiert:
- Anzahl der gewonnenen Aufträge in der Periode
- Summe der Auftragswerte
- Top-CPV-Kategorie (häufigste Branche)
- Liste der Auftraggeber (um Bundesland-Verteilung und Diversitaet zu sehen)
Am Ende dieses Schritts hast du eine Tabelle: eine Zeile pro Firma, sortiert nach Zuschlags-Volumen oder Anzahl.
Schritt 3: Filterung auf deinen ICP
Hier wird es strategisch. Du filterst nach:
- CPV-Kategorie: verkaufst du an Ingenieurbueros? CPV 71 (Dienstleistungen im Architektur-, Bau-, Ingenieurbereich). IT-Services? CPV 72. Medizinprodukte? CPV 33. Jeder Code geht bis auf Einzelprodukt-Ebene.
- Firmen-Groesse: Wenn dein Produkt ab 50 MA skaliert, filtere auf Firmen mit mindestens 3 Zuschlägen in der Periode. Ein-Mann-GmbHs sind meistens unter dieser Schwelle.
- Volumen: Ein Zuschlag von 50.000 Euro ist juristisch ein Zuschlag, aber wirtschaftlich oft ein Side-Project. Filter auf Einzel-Aufträge > 200.000 Euro oder aggregiertes Volumen > 500.000 Euro gibt dir die Firmen mit echtem Umsatz.
- Geographie: Wenn du nur in Bayern verkaufst, filter auf buyer-country=DE und buyer-city oder winner-city nach Bundesland-Muster.
- Auftraggeber-Typ: Manche CANs haben einen
buyer-type-Code — ministerial, regional, local, utility, body-governed-by-public-law. Verkaufst du an Krankenhaeuser? Auftraggeber ist eine öffentliche Versorgungsstelle. Verkaufst du an Stadtwerke? Sektoren-CANs nach Richtlinie 2014/25/EU.
Schritt 4: Anreicherung und Outreach
TED liefert dir Firmenname und oft die URL. Ansprechpartner und E-Mail müssen separat ermittelt werden — das klassische Outreach-Problem. Legal saubere Wege:
- Impressum-Scraper auf der Firmen-Website (die Impressums-Pflicht in DE macht Name + Kontakt öffentlich zugaenglich; Nutzung über berechtigtes Interesse ist in der Regel zulässig).
- LinkedIn Sales Navigator — über den Firmennamen findest du Entscheider. Hier musst du aber auf die LinkedIn-TOS achten.
- Hunter.io / Apollo.io / ZoomInfo: kommerzielle Enrichment-Services. Vorsicht: viele sagen, sie seien DSGVO-konform, sind es aber bei tieferer Pruefung oft nicht.
Der Outreach selbst: kurze personalisierte Mail mit klarem Bezug. „Wir sehen in TED, dass Sie im Q1 2026 den Zuschlag für [konkretes Projekt] gewonnen haben. Wir helfen Firmen wie Ihrer bei [konkretes Problem]. Interesse an einem 15-Min-Call?" Die Pointe ist nicht „wir haben Sie in einer Datenbank gefunden" — das wirkt spammy. Die Pointe ist „Sie haben nachweislich dieses spezifische Geschaeft gemacht, wir verstehen diesen Geschaefts- Kontext, und unser Angebot ist relevant genau für Firmen wie Ihrer". Das ist qualitativ anderer Outreach.
Wann TED CANs NICHT der richtige Ansatz sind
Ein paar Ehrlichkeiten:
- Wer an private Firmen verkauft, hat hier nichts zu holen. TED deckt nur öffentliche Auftraggeber ab. Wenn deine Kunden reine B2B-Mittelstaendler sind, die keine öffentlichen Aufträge beziehen, ist TED blind. Beispiel: verkaufst du SaaS an E-Commerce-Shops? TED hilft nicht.
- Die Datenlatenz ist zwei bis sechs Wochen. Ein Zuschlag wird nicht am Tag der Entscheidung publiziert, sondern erst Wochen später. Wer „hot leads" braucht, ist mit der Contract-Notice-Seite (also Leads auf laufende Verfahren) besser bedient — das sind aber noch keine Gewinner, sondern Interessenten.
- Unterhalb der EU-Schwellenwerte ist TED leer.Die Melde-Pflicht auf TED beginnt erst ab 216.000 Euro (Standardaufträge) bzw. 5,4 Millionen Euro (Bau). Alles darunter ist in nationalen Portalen (service.bund.de, DTVP, Vergabe24, evergabe-online) und oft nicht standardisiert. Wer im Kommunalbereich verkauft, muss mehrere Quellen kombinieren.
- CAN-Daten sagen nichts über Budget-Zyklen. Ein Gewinner von 2026 plant nicht zwingend Folgeaufträge in 2027. Rahmenvertraege dagegen schon — die findet man an Rahmenvertrags-Flags in den strukturellen Feldern.
Das lange Spiel — warum CANs besonders für Startups interessant sind
Was CANs unique macht: Sie sind kostenlos, legal, standardisiert und vollständig für den abgedeckten Bereich. Das gibt es in keiner anderen B2B-Lead-Quelle. Kommerzielle Sales-Intelligence-Tools wie ZoomInfo oder LinkedIn Sales Navigator kosten zwischen 8.000 und 25.000 Euro pro Jahr pro Nutzer. Die Rohdaten-Qualitaet von TED CANs ist, für den öffentlichen-Sektor-Anteil des Marktes, oft besser als das, was diese Tools liefern — weil sie direkt aus Beschaffungs-Primaer- Quellen stammen statt aus Scraping und Enrichment.
Der Haken: Rohdaten sind Rohdaten. Wer daraus eine Lead-Pipeline machen will, braucht ein bisschen Python, etwas Fuzzy-Matching für Firmennamen, und eine klare Vorstellung davon, wen er eigentlich anrufen moechte. Das ist weniger angenehm als ein Dashboard, aber deutlich guenstiger und kontrollierbarer.
Was Tender Automation dazu beitraegt
Der Fokus von Tender Automation liegt auf der Analyse-Seite: Wenn ein Bieter eine Ausschreibung gewinnen will, versteht unser System aus dem Leistungsverzeichnis, welche Hersteller im Spiel sind, und generiert die passenden Anfragen. Die Spiegelseite davon — zu sehen, wer bereits gewonnen hat — ist CAN-Mining. In unserem eigenen Sales-Prozess nutzen wir genau dieses Verfahren, um mit Firmen in Kontakt zu treten, die öffentliche Aufträge gewinnen und dabei vom LV-Analyse-Aufwand profitieren koennten.
Wer einen funktionierenden CAN-Miner für den eigenen Sales-Stack aufsetzen will: der Aufwand liegt bei zwei bis drei Tagen Engineering für eine erste stabile Version (API-Client mit Rate-Limiting, Aggregation, CSV-Export). Danach ist es eine stabile Daten-Pipeline, die ohne taeglichen Pflegebedarf weiter Leads generiert.
Quellen und Tools
- TED API v3:
api.ted.europa.eu/v3/notices/search— offizielle REST-Schnittstelle, keine Authentifizierung, frei nutzbar. - TED CSV-Subset:
data.europa.eu/data/datasets/ted-csv— historische Daten ab 2006 für Laendergroesse EEA + CH + Nordmazedonien. - Commission Decision 2011/833/EU — Lizenz für freie Weiterverwendung.
- Common Procurement Vocabulary (CPV):
simap.ted.europa.eu/cpv— die offizielle Taxonomie für Produkt- und Dienstleistungskategorien. - Open-Source-Tools: ONSBigData ExtracTED (GitHub) und ocdskit für OCDS-normalisiertes Parsing.
Wer Interesse an einer fertigen Pipeline hat — inklusive Parser, Fuzzy-Matching für Firmennamen, CPV-Filterung und CSV-Export — kann sich bei uns melden: Kontakt. Tender Automation selbst bietet den CAN-Miner als internes Tool an, ist aber offen, ihn als Pipeline für Partner bereitzustellen, wenn die Nachfrage es rechtfertigt.
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